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Antirassismus

Black Lives Matter Proteste in Graz

#Blacklives Matter. Dieser Hashtag prägte das Demonstrationsgeschehen im Jahr 2020. Globale Bekanntheit erlangte die bereits 2013 von Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi gegründete Bewegung aufgrund eines viral gegangenen Videos der massiven Polizeigewalt und dem Tod von George Floyd am 25.Mai 2020. Neun Minuten und 30 Sekunden lang presste der weiße, damalige Polizist Derek Chauvin sein Knie auf den Hals von Floyds Hals, obwohl dieser wiederholt rief “I can’t breathe” – er bekomme keine Luft. Von Minneapolis ausgehend, breiteten sich die Proteste gegen strukturellen Rassismus und Polizeigewalt gegen Black and People of Color (BPoC) nach Europa aus. Mit Demonstrationen mit insgesamt über 100.000 Teilnehmer*innen entwickelten sich auch in Österreich die Black Lives Matter, kurz BLM-Proteste, zu den größten antirassistischen Mobilisierungen der letzten Jahre.

 

“We will not be silent!” Spontane Black Lives Matter Demonstration in Graz.

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Am 3.6.2020 erreichten die BLM-Proteste auch Graz: Unangemeldet versammelten sich 1000 Personen, um ihren Protest gegen strukturellen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße zu tragen. Die Ereignisse in den USA wurden hierbei als Anlass genommen, um Diskriminierungserfahrungen zu teilen und zu kritisieren. Nach Einschätzung von Szenebeobachter*innen dürfte es sich zum damaligen Zeitpunkt um die größte Spontandemonstration des letzten Jahrzehnts in der steirischen Landeshauptstadt gehandelt haben. Die Demonstration, welche maßgeblich von BPoC getragen und von rassismuskritischen Bündnissen und Einzelpersonen unterstützt wurde, bewegte sich durch die Herrengasse zum Jakominiplatz sowie zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Dort versammelten sich währenddessen Esoteriker*innen und Verschwörungsgläubige zu einer (polizeilich angezeigten) “Meditations-Kundgebung” gegen die Covid-Maßnahmen. Deren Versammlung wurde durch die Masse der BLM-Demonstrant*innen jedoch verdrängt. Ein Anhänger des antisemitischen Qanon-Verschwörungsmythos erklärte hierbei gegenüber einem Journalisten, dass es sich bei den rassismuskritischen Demonstrant*innen um Antifaschist*innen handle, die von George Soros finanziert werden, um Trump zu destabilisieren. Wir berichteten auf Twitter.

 

Großdemonstration in Graz: 10.000 auf der Straße gegen Rassismus und Polizeigwalt.

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Ihren lokalen Höhepunkt erreichten die lokalen BLM-Proteste drei Tage später, am 6.6.2020: Rund 10.000 Menschen beteiligten sich an der Demonstration vom Mariahilferplatz zum Freiheitsplatz. Von der Spitze bis zum Ende der Demonstration gemessen, erstreckte sich die Menschenmenge über 1,3 km. Die Veranstalter*innen hatten mit mit lediglich einem Zehntel der beteiligten Personen gerechnet.

Wie die Deutsche Welle berichtet, sieht der Dortmunder Soziologe Aladin El-Mafaalani diese außerordentliche Mobilisierungskraft der BLM-Proteste im Zusammenhang mit einer neuen aktivistischen Generation, welche durch die Fridays for Future-Klimaproteste politisch sozialisiert und via Sozialer Medien vernetzt ist. Eine Einschätzung, die angesichts der augenscheinlich hohen Beteiligung von jungen Menschen bei den Protesten, auch in Graz, zutreffend scheint.

In Redebeiträgen wurde über die Lebensrealität von strukturellem sowie individuellem Rassismus in Österreich sowie von Erfahrungen mit Repression und Racial Profiling seitens der Polizei berichtet. Zudem wurde eine Schweigeminute abgehalten – nicht nur für George Floyd, sondern auch für weitere Opfer rassistischer Polizeipraxen. Etwa für Marcus Omofuma, Edwin Ndupu, Yankuba Ceesay, Essa Touray, Cheibani Wague, Richard Ibekewe, Jahnson Okpara und Ahmed F. – um nur einige der Namen von in Österreich Betroffenen zu nennen. Auch hiervon berichteten wir auf Twitter.

 

„It`s a Movement, not a Moment“

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Unter dem Motto “Black Lives Still Matter” wurde am 12.7.2020 zu einer weiteren Kundgebung in Graz aufgerufen. Mit 150-200 Personen, die sich am Hauptplatz versammelten, handelte es sich um den kleinsten und bislang letzten der BLM-Proteste in Graz. Abermals berichteten wir auf Twitter.

Zwar ist die Bewegung als solche aus dem öffentlichen Diskurs wieder verschwunden, fraglich bleibt jedoch, welche Spuren die (kurze) Präsenz der Stimmen schwarzer Menschen in Österreich im mediopolitischen Diskurs hinterlassen haben.
Die Anti-Rassismus-NGO ZARA berichtet von 3.039 gemeldeten rassistischen Vorfällen im Jahr 2020. Das sind 1.089 Meldungen mehr als im Jahr davor. Wahrscheinlicher als ein derart sprunghafter Anstieg von rassistischen Ereignissen ist, dass die BLM-Bewegung einen breiten Sensibilisierungserfolg verzeichnen konnte und rassistische Diskriminierungen und Gewalt vermehrt als solche wahrgenommen wurden. Wie nachhaltig dies ist oder ob Rassismus zukünftig wieder vermehrt als Problem von BPoC-Personen wahrgenommen wird, wird sich zeigen. So erbaulich diese neue Mobilisierungskraft von weißen Unterstützer*innen für die BPoC-Community und ihre antirassitischen Kämpfe aufgrund eines viralen Videos gewesen sein mag, spiegelt sich bei genauerer Betrachtung auch darin das eigentliche Problem wider. Mugtaba Hamoudah, einer der Mitorganisatoren der Wiener BLM-Proteste, wies im ZARA-Rassismusbericht darauf hin, dass es

„Ein Video gebraucht [hat], in dem ein Schwarzer Mann am Boden fixiert für sechs Minuten um sein Leben fleht, um Schwarzen Menschen Glauben zu schenken, Glauben zu schenken, dass sie die Auswirkungen unseres rassistischen Systems täglich zu spüren bekommen.“

Zumindest juristisch ist der „Fall George Floyd“ damit geschlossen. Im April dieses Jahres wurde Chauvin von einem Geschworenengericht in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Nicht abgeschlossen ist jedoch die gesellschaftspolitische Aufarbeitung von strukturellem Rassismus und Polizeigewalt. Eine solche ist ungeachtet von Konjunkturschwankungen antirassistischer Proteste weiterhin nötig.