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Feminismus

Anti-Femizid Demonstrationen in Graz. Juni 2020 – April 2021

Wie die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) mit Verweis auf die polizeiliche Kriminalstatistik darlegen, wurden im Jahr 2020 in Österreich 31 Frauen* ermordet. Lediglich in einem bekannten Fall stand das Opfer nicht in einem (früheren) Nahverhältnis zu ihrem Täter, zumeist männliche (Ex)-Partner und Familienangehörige der Opfer. Es handelte sich dabei um Femizide.

Der Begriff des „Femizids“ fand in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, ausgehend von feministischen Debatten, Verbreitung zur Benennung und Analyse der Tötung von Frauen* und Mädchen* aufgrund ihres Geschlechts. Insbesondere in Lateinamerika, wo es seit 2015 unter dem Slogan „Ni una menos“ (dt. „Nicht eine weniger“) zu feministischen Massendemonstrationen kommt, wurde zudem der Begriff des „Feminicidio“ (Feminizid) geprägt, welcher das staatliche Versagen im Kampf gegen die Gewalt an Frauen* und Mädchen* skandalisiert. Ebenso wie patriarchale Strukturen ein globales Phänomen sind, werden international Femizide und Feminizide als Ausdruck jener Strukturen kritisiert.

In Anlehnung an die Lateinamerikanischen feministischen ni una menos-Bewegung kam es auch in Österreich zu einer Reihe an Protesten: Feminist*innen in Graz begannen im letzten Jahr mit einer Reihe spontaner Demonstrationen und Aktionen auf die Femizide zu reagieren, wie wir auf Twitter berichteten:

 


„Reclaim the Night“ – Der Tag gegen Gewalt an Frauen*

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Nach Statistiken der AÖF kam es in den ersten vier Monaten des Jahres 2021 bereits zu acht medial bekannten Femiziden in Österreich durch männliche (Ex-)Partner oder Angehörige. Werden die Mordversuche und Fälle schwerer Gewalt hinzugerechnet, erhöht sich die Zahl auf zwölf. Feminist*innen in Graz reagierten abermals mit Demonstrationen, wobei sich mit Frühjahr 2021 die Strategie änderte: Anstatt spontan auf die Straße zu gehen wurde in sozialen Medien breiter zu den Versammlungen aufgerufen. Während sich zuvor lediglich wenige dutzend Aktivist*innen beteiligten, stieg die Zahl der Teilnehmenden dadurch auf rund 100 Demonstrant*innen im März sowie auf 300 im April 2021 an. Die vorläufig letzte Demonstration im April führte u.a. an dem Wohnhaus und zugleich Tatort der in Graz wenige Tage zuvor ermordeten Frau vorbei. Dort gedachten die Feminist*innen der Ermordeten mit einer Trauerminute sowie Blumen und Kerzen. Als Zeichen ihrer Trauer und Wut hielten die Feminist*innen eine Trauerminute ab, bei der viele von ihnen ihre Faust hoben. Es war auch die Demonstration, die von Regionalmedien am stärksten Beachtung fand.

 


Positionen der Demonstrant*innen:

“Man(n) tötet nicht aus Liebe – stoppt Femizide!”

Bereits im Oktober 2019 wies der österreichische Presserat auf die Verantwortung der Medien in der Berichterstattung über Gewalt an Frauen* hin und forderte, verharmlosende Begriffe wie „Ehe-, Beziehungs- oder Familiendrama“ kritisch zu reflektieren, da diese dazu im Stande seien das Leid der Opfer und Angehörigen zu vermehren. In ähnlicher Weise wurde auch im Zuge der feministischen Proteste in Graz und darüber hinaus skandalisiert, dass die Verharmlosung von Femiziden/Feminiziden als “Familientragödie oder Eifersuchtsdrama“ verharmlost werden, da dies die strukturelle Dimension geschlechtsspezifischer Gewalt verschleiere. Demonstrant*innen in Graz erklärten:

„Femizide sind keine Einzelfälle von verwirrten, verbitterten oder verzweifelten Einzeltätern, sondern das tödliche Resultat patriarchaler gesellschaftlicher Strukturen. Von Femiziden zu sprechen, heißt diese Tötungen von Frauen* sichtbar zu machen. Und es hilft uns dabei, den politischen Kontext zu benennen und Widerstand zu leisten.“

Es ist vermutlich den anhaltenden feministischen Interventionen zu verdenken, dass nun  – rund eineinhalb Jahre nach der Stellungnahme des Presserates –  sich auch im medialen Diskurs zunehmend der Begriff des Femizids in der Berichterstattung über die Taten etabliert.

 

Für einen inklusiven und intersektionalen Feminismus

Die Intersektionalitätstheorie besagt, dass Gender stets in enger Wechselwirkung mit Kategorien wie race, Klasse, etc. steht und diese Überschneidungen stets mitgedacht werden müssen, um emanzipatorische Forderungen nicht in ihr Gegenteil zu verkehren. Diese Notwendigkeit zeigt sich auch anhand der Muster des mediopolitischen Mainstreams bis hin zu seinen rechten Rändern: Während die geschlechtsspezifischen Gewalttaten von weißen Österreichern als individuelle Handlung verhandelt werden, werden die selben Taten von People of Color oder Migranten ethnisiert. Die Taten werden der als „fremd“ konstruierten, patriarchalen Kultur der Täter zugeschrieben, während patriarchale sowie heterosexistische Strukturen und Kulturen innerhalb der österreichischen Mehrheitsgesellschaft unerwähnt bleiben.

Die Grazer Aktivist*innen stellen sich entschieden gegen diese Erzählungen von geschlechtsspezifischer Gewalt als „importiertem“ oder klassenspezifischem Problem und erinnerten in ihren Redebeiträgen daran, dass Femizide „in allen gesellschaftlichen Schichten und Kreisen statt[finden]“. Sie positionierten sich gegen eine Instrumentalisierung ihres Anliegens innerhalb rassistischer Diskurse, ebenso wie gegen eine Individualisierung und damit Entpolitisierung der Tat. Stattdessen forderten sie:

„jede Art geschlechterspezifischer Gewalt zum Gegenstand öffentlichen Interesses zu machen und den Blick auf die patriarchalen Strukturen hinter dieser Gewalt zu lenken. Wir müssen danach fragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen es erlauben, dass solche Taten überhaupt stattfinden können, statt mit rassistischen Aussagen von der gesamtgesellschaftlichen Problematik abzulenken.“

 In Redebeiträgen der diversen Anti-Femizid-Demonstrationen mahnten die Feminist*innen zudem ein, dass es eine hohe Dunkelziffer an geschlechtsspezifischer Gewalt gäbe und die spezifische Gewalt gegen Lesbische, Trans*-, Inter*- und Non-Binary-Personen – also Menschen, die nicht den tradierten, heteronormativen Vorstellungen von Mann* und Frau* entsprechen – oftmals statistisch nicht erfasst würde. Um Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen, Lesben, Inter*, Non-Binary, Trans* – kurz: FLINT*-Personen nachhaltig zu beenden, sei es aus Sicht der Aktivist*innen nötig, das Problem an seinen Wurzeln zu bekämpfen, indem

„die strukturellen Ungleichheiten und patriarchalen Denkweisen angegriffen werden müssen. Dazu gehören umfassende Kämpfe in den Bereichen Gesetzgebung und Rechtsprechung, Arbeit und Sozialstaat sowie sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung.“

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